Storytelling in Mailings



In der letzten Ausgabe sollte das Mailing unseres marktbeherrschenden Blumentopf-Händlers den Leser aktivieren. Allerdings konnte man den Text weder erleben noch gut erinnern. Also was tun?

Wir beschreiben nicht, wir erzählen eine Geschichte, die der Leser erleben und erinnern kann. Stichwort: Kopfkino. Natürlich integrieren wir wieder Problem, Lösung, Beweis und Appell.

Allerdings in dramaturgischer Form: Wir schreiben eine Kurzgeschichte, in der beispielsweise das Produkt zum Held wird. Wie interessant, ungewöhnlich und auch glaubwürdig unser Text ist, darüber entscheidet die Textperspektive. Dabei legen wir fest, wer oder was die Geschichte erzählt.

Nehmen wir nun an, unser Blumentopf kann tatsächlich ein Retter sein. Wer könnte das am besten beurteilen als der Gerettete selbst? Deshalb spricht diesmal nicht der Händler, sondern eine Pflanze, die Ihre Gesundheit dem Blumentopf zu verdanken hat. Der Brief könnte lauten:

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Lieber Herr Mustermann,

wissen Sie, Riesenranke wird man auch nicht über Nacht. Dafür brauch' ich Jahre, mindestens eine halbe Ewigkeit. Früher war alles besser: Man setzte eine Zauberbohne und schwuppdiwupp stand am nächsten Morgen ein gewaltiges Gewächs vor der Tür. Aber die Zeiten haben sich geändert.

Jetzt hocke ich in einem engen Topf, bekomme kaum Luft und quetsche mir permanent die Wurzeln. Die sind schon ganz taub und steif. Und dann dieser Junge!

Jeden Morgen flitzt er zu mir, schaut sehnsüchtig in den Himmel und murmelt was von Riesen beklauen. Doch enttäuscht schlurft er danach immer zu seiner Mama, um sich trösten zu lassen. Eine Schande! Dass ich dem armen Knirps nicht helfen kann! Und alles nur wegen meiner Größe: 60 Zentimeter! Was soll das? Ich bin eine Riesenranke! Aber im Jahr schaffe ich gerade zwei Zentimeter - wenn's hochkommt!

Doch letzten Abend schlich seine Mutter zu mir und topfte mich um in den Blumentopf 3000. Und wissen Sie was? Schon nach wenigen Minuten spürte ich wieder meine Wurzeln. Die Kraft strömte zurück. Diese Ventile lüfteten mich da unten ordentlich durch.

Ich reckte mich und streckte mich und eh ich mich versah, schoss ich wie eine Rakete durch die Wolken, direkt ins Schloss eines Riesen... Sie hätten den Jungen heute sehen sollen! Wie der strahlte, als er stolz mit einer Goldgans im Arm herunter krabbelte!

Übrigens, auch dieser NASA-Pilot war mächtig begeistert als ich plötzlich im Orbit neben seinem Space Shuttle empor stieg. Sein Urteil: Daumen hoch!

Probieren Sie es selbst, bestellen Sie den Blumentopf 3000 unter 030 - 123 45 67 und verhelfen Sie auch Ihren Pflanzen zu legendärer Größe.

Grüne Grüße
Ihre Riesenranke

P.S.: Schon 100.000 Pflanzen gedeihen in einem Blumentopf 3000 - und jede erzählt Ihnen eine eigene Geschichte!
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Auch dieser Brief durchläuft Problem (Ranke wächst nicht), Lösung (Blumentopf 3000), Argumente (Ventile und NASA) und landet beim Appell (bestellen). Das P.S. dient wieder als Verstärker und führt als Argument die 100.000 verkauften Töpfe an.

Im Gegensatz zum letzten Mailing wird hier jedoch eine Geschichte herum erzählt, noch dazu eine, die auf dem Märchen der Zauberbohne basiert. Das erhöht die Bildhaftigkeit enorm und fördert das Erinnern. Es ist wie bei diesen Zahlengenies aus dem Fernsehen: Die können sich deshalb meterlange Zahlen merken, weil sie jede Ziffer zum Baustein einer Geschichte machen und so im episodischen Gedächtnis speichern.

Die lebendige Erzählung stärkt zudem das Involvement, denn das Gehirn will unwillkürlich wissen wie die Geschichte ausgeht und ob alle Konflikte getilgt werden. So veranschaulichen wir den Produktvorteil als Problemlöser. Sicher, diese Form braucht Raum, aber sie wirkt.

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